Kuh Alma und die Orte, an denen Menschen ihre Persönlichkeit parken

KUH ALMA | WORKPLACE SATIRE VON CARSTEN JAN WEICHELT | STAFFEL 1 | KAPITEL 23

Der Mann am Nebentisch versuchte seit einigen Minuten, einen Hund davon zu überzeugen, ihm einen Tennisball zu geben.

„Komm.“

Der Hund kaute auf dem Ball.

„Nur einmal.“

Der Hund sah ihn an.

„Ich werfe ihn doch wieder.“

Der Hund glaubte ihm nicht.

Ich auch nicht.

Der Mann ging in die Hocke.

„Tausch?“

Er hielt dem Hund ein Stück von seinem Frühstück hin.

Jetzt wurde die Verhandlung ernst.

Der Hund legte den Ball auf den Boden.

Der Mann griff danach.

Der Hund nahm ihn sofort wieder ins Maul.

Ich hatte den Eindruck, dass einer der beiden sehr genau wusste, was er tat.

Dann klingelte der Laptop.

Der Mann sah auf die Uhr.

„Shit.“

Er setzte sich.

Strich mit beiden Händen über sein Hemd.

Richtete den Bildschirm etwas höher.

Fuhr sich durch die Haare.

Dann klickte er.

Sein Gesicht veränderte sich.

Nicht stark.

Gerade genug.

„Hey everyone.“

Auch seine Stimme war jetzt eine andere.

„Absolutely.“

Pause.

„Makes total sense.“

Noch eine Pause.

„Happy to own that.“

Ich sah zum Hund.

Der Hund sah zu mir.

Zum ersten Mal fühlte ich mich von einem anderen Lebewesen vollständig verstanden.

Derselbe Mensch

Der Call ging weiter.

„Alignment.“

„Priorities.“

„Next steps.“

Der Mann nickte häufig.

Manchmal schrieb er etwas auf.

Einmal sagte er:

„Let's take this offline.“

Das fand ich bemerkenswert, weil er bereits draußen saß.

Der Hund hatte sich inzwischen unter den Tisch gelegt.

Der Ball lag zwischen seinen Vorderpfoten.

Nach zweiundzwanzig Minuten sagte der Mann:

„Amazing. Thanks everyone.“

Dann schloss er das Fenster.

Der Bildschirm wurde dunkel.

Der Mann sank in seinen Stuhl.

„Jesus.“

Der Hund hob den Kopf.

„Ja“, sagte der Mann. „Genau.“

Dann nahm er den Ball und warf ihn.

Der Hund rannte los.

Da war der andere Mann wieder.

Oder vielleicht war er nie weg gewesen.

Welche Version ist echt?

Ich dachte noch eine Weile darüber nach.

Vor dem Call hatte er mit einem Hund verhandelt.

Im Call hatte er Verantwortung übernommen, Dinge aligned und etwas offline genommen.

Danach warf er wieder einen Ball.

Vielleicht war keiner dieser Männer falscher als der andere.

Vielleicht brauchte das Meeting nur einen anderen von ihm als der Hund.

Menschen scheinen viele solcher Versionen zu besitzen.

Eine bei der Arbeit.

Eine mit Freunden.

Eine mit der Familie.

Eine bei Menschen, die sie beeindrucken möchten.

Und vermutlich noch eine, wenn niemand hinsieht.

Das muss nicht unehrlich sein.

Trotzdem fragte ich mich, wie oft man eine bestimmte Version von sich benutzen kann, bevor sie sich nicht mehr wie eine Version anfühlt.

Der Mann klappte seinen Laptop zu.

Für einen Moment sah er sein Gesicht im schwarzen Bildschirm.

Er blieb kurz so sitzen.

Dann kam der Hund zurück.

Ohne Ball.

„Wo ist der Ball?“

Der Hund wedelte mit dem Schwanz.

Der Mann stand auf.

„Natürlich.“

Damit war das Meeting endgültig vorbei.

— Alma

 

FAQ

 

ÜBER DEN AUTOR

Carsten Jan Weichelt ist Autor und Content Strategist. Er schreibt über kreatives Schreiben, KI & Schreiben, Arbeit und die kleinen Absurditäten des modernen Arbeitslebens. Kuh Alma ist seine Workplace-Satire über Arbeit, Identität und das menschliche Bedürfnis, selbst für die merkwürdigsten Dinge einen guten Grund zu finden.

Mehr über Carsten Jan Weichelt auf der About-Seite

Carsten Jan Weichelt

Autor | KI-Trainer | Content Strategist
Arbeit • Identität • Künstliche Intelligenz
Kuh Alma 🐄 & moderne Arbeitswelt
📍 Barcelona | 🇩🇪 🇬🇧

https://www.carstenjanweichelt.de
Weiter
Weiter

Kuh Alma und die Gespräche, die nie etwas sagen