Kuh Alma und die Gespräche, die nie etwas sagen
KUH ALMA | WORKPLACE SATIRE VON CARSTEN JAN WEICHELT | STAFFEL 1 | KAPITEL 22
Am Nebentisch saßen zwei Menschen, die sich seit ungefähr zwanzig Minuten unterhielten.
Ich wusste danach nichts über sie.
Das war beeindruckend.
„Wie läuft's?“
„Gut. Viel los.“
„Bei mir auch.“
„Ja, gerade echt verrückt.“
„Total.“
Sie tranken Kaffee.
Einer sah kurz auf sein Telefon.
„Und sonst?“
Der andere dachte nach.
Nicht lange.
„Alles gut.“
„Schön.“
Sie nickten.
Dann entstand eine Pause.
„Ganz schön warm wieder.“
„Ja.“
„Aber morgens geht's.“
„Abends auch.“
„Stimmt.“
Ich begann mich zu fragen, ob ich etwas übersehen hatte.
Vielleicht kommunizierten Menschen auf einer Frequenz, die Kühe nicht empfangen.
Das Gespräch ging weiter.
Sie sprachen über ein Restaurant, in dem beide noch nicht gewesen waren.
Über jemanden, den beide kannten, ohne etwas über ihn zu sagen.
Über Arbeit.
„Muss.“
Über Urlaub.
„Wäre schön.“
Über Barcelona.
„Schon voll gerade.“
Nach einer Weile stand einer auf.
„War schön, dich zu sehen.“
„Fand ich auch.“
Sie umarmten sich.
Und das Merkwürdige war:
Ich glaubte ihnen.
Vielleicht ging es gar nicht um das Gespräch
Am nächsten Tag saßen zwei andere Menschen am selben Tisch.
Eine Frau und ein Mann.
„Wie geht's?“, fragte er.
„Gut.“
Sie sagte es schnell.
Er nickte.
„Bei dir?“
„Auch.“
Damit hätte das Gespräch weitergehen können wie das vom Vortag.
Tat es aber nicht.
Der Mann sah sie an.
„Wirklich?“
Die Frau griff nach ihrer Tasse.
Sie trank nicht.
„Nein.“
Danach sprachen sie leiser.
Ich verstand nur einzelne Wörter.
Mutter.
Arbeit.
Schlafen.
Keine Ahnung.
Irgendwann hörte ich nicht mehr hin.
Nicht weil es mich nicht interessierte.
Sondern weil ich plötzlich das Gefühl hatte, dass es mich nichts anging.
Das war neu.
Ich hatte Gespräche bisher hauptsächlich danach beurteilt, ob sie etwas transportierten.
Eine Information.
Eine Idee.
Eine Entscheidung.
Menschen veranstalten schließlich sogar Meetings, um Dinge zu sagen, die auch in einer E-Mail hätten stehen können.
Man sollte meinen, Information sei ihnen wichtig.
Vielleicht bedeutet „Wie geht's?“ aber manchmal gar nicht:
Erzähl mir, wie es dir geht.
Vielleicht bedeutet es nur:
Ich bin hier.
Du auch?
Und manchmal reicht das offenbar, damit jemand doch die Wahrheit sagt.
Als die beiden gingen, blieben ihre Tassen auf dem Tisch stehen.
Eine fast leer.
Die andere kaum angerührt.
Sie standen dicht nebeneinander.
Der Kellner nahm sie wenig später mit.
Ich sah ihm dabei zu.
Dann arbeitete ich weiter.
Oder das, was ich meistens Arbeit nenne, wenn ein Laptop vor mir steht.
— Alma
FAQ
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Small Talk dient nicht nur dem Austausch von Informationen. Er kann Kontakt herstellen, soziale Unsicherheit reduzieren und einen vorsichtigen Einstieg in persönlichere Gespräche ermöglichen.
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Er kann oberflächlich bleiben, muss es aber nicht. In Almas Geschichte wird aus einem gewöhnlichen „Wie geht's?“ erst durch die Nachfrage „Wirklich?“ ein persönliches Gespräch.
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Die Frage kann neben ihrer wörtlichen Bedeutung auch ein soziales Signal sein: Ich nehme dich wahr und eröffne ein Gespräch. Ob daraus mehr entsteht, hängt von den Beteiligten ab.
ÜBER DEN AUTOR
Carsten Jan Weichelt ist Autor und Content Strategist. Er schreibt über kreatives Schreiben, KI & Schreiben, Arbeit und die kleinen Absurditäten des modernen Arbeitslebens. Kuh Alma ist seine Workplace-Satire über Arbeit, Identität und das menschliche Bedürfnis, selbst für die merkwürdigsten Dinge einen guten Grund zu finden.
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