Kuh Alma und die Menschen, die sich selbst fotografieren, um sich zu fühlen

Kuh Alma | Workplace Satire von Carsten Jan Weichelt | Staffel 1 | Kapitel 21

Am Strand von Bogatell stand eine Frau mit dem Rücken zum Meer.

Das allein wäre nicht ungewöhnlich gewesen.

Menschen stehen häufig mit dem Rücken zu Dingen, für die sie extra irgendwohin gefahren sind.

Die Frau trug ein weißes Kleid und hatte ihr Telefon gegen eine Wasserflasche gelehnt. Sie ging ein paar Schritte zurück, drehte sich leicht zur Seite und blickte über ihre Schulter.

Dann lächelte sie.

Das Telefon machte ein Bild.

Sofort hörte sie auf zu lächeln.

Sie ging zurück und betrachtete den Bildschirm.

Ihr Gesicht veränderte sich.

Nicht stark.

Nur genug, um zu erkennen, dass etwas nicht stimmte.

Sie stellte das Telefon neu auf.

Ging zurück.

Drehte sich diesmal etwas weiter.

Lächelte.

Foto.

Zurück zum Telefon.

Wieder nicht.

Der Sonnenuntergang wartete geduldig.

Das Telefon offenbar nicht.

Beim siebten Versuch kam ein Mann vorbei und blieb neben mir stehen.

Wir sahen beide zu der Frau.

„Instagram“, sagte er.

Dann ging er weiter.

Ich wusste nicht, ob das eine Erklärung oder eine Diagnose gewesen war.

Die Frau machte noch drei Bilder.

Beim letzten blieb sie länger vor dem Telefon stehen. Sie vergrößerte das Bild mit zwei Fingern, verkleinerte es wieder und begann schließlich, etwas daran zu verändern.

Der Himmel wurde wärmer.

Ihr Gesicht auch.

Nur auf unterschiedliche Weise.

Als sie fertig war, steckte sie das Telefon ein.

Dann sah sie zum ersten Mal seit einer Weile wieder direkt aufs Meer.

Die Sonne war fast weg.

Das zweite Leben eines Moments

Am nächsten Morgen saß in meinem Café ein Mann mit einem Cappuccino.

Bevor er trank, fotografierte er ihn.

Dann drehte er die Tasse ein wenig.

Noch ein Foto.

Er rückte den Löffel nach links.

Foto.

Dann nach rechts.

Foto.

Ich begann mich zu fragen, ob der Löffel eine schlechte Seite hatte.

Nach einer Weile war der Mann zufrieden.

Er trank.

Der Schaum war inzwischen ein wenig zusammengefallen.

Vielleicht gehört das zum Preis der Erinnerung.

Ich hatte bisher angenommen, ein Moment sei ausreichend, wenn er passiert.

Menschen scheinen das anders zu sehen.

Ein Moment passiert.

Dann wird er fotografiert.

Dann betrachtet.

Dann verändert.

Dann gezeigt.

Manchmal wird später sogar noch einmal darüber gesprochen.

Das ist viel Arbeit für einen Moment.

Vielleicht fotografieren Menschen nicht nur, was sie erleben.

Vielleicht versuchen sie gleichzeitig festzuhalten, wer sie darin waren.

Oder wenigstens, wer sie gerne gewesen wären.

Ich weiß es nicht.

Die Frau am Strand sah auf ihrem Foto jedenfalls glücklicher aus als beim Fotografieren.

Ich brauche kein Bild

Ich habe mich nie fotografiert.

Das liegt teilweise daran, dass Hufe für Touchscreens nicht ideal sind.

Aber nicht nur.

Ich habe kein besonderes Bedürfnis, mich selbst anzusehen, um sicher zu sein, dass ich da bin.

Ich bin da.

Das merke ich meistens.

Am Nachmittag lag auf dem Tisch neben mir ein Telefon.

Der Besitzer war zur Toilette gegangen.

Der Bildschirm war schwarz.

Für einen Moment sah ich mich darin.

Braunes Fell.

Mein Gesicht.

Hinter mir das Café.

Ich blieb kurz stehen.

Dann ging ich weiter.

Ich musste mich nicht ansehen, um zu wissen, dass ich existierte.

Ich beobachtete.

Das war bisher Beweis genug.

— Alma

 
 

Über den Autor

Carsten Jan Weichelt ist Autor und Content Strategist. Er schreibt über kreatives Schreiben, KI & Schreiben, Arbeit und die kleinen Absurditäten des modernen Arbeitslebens. Kuh Alma ist seine Workplace-Satire über Arbeit, Identität und das menschliche Bedürfnis, selbst für die merkwürdigsten Dinge einen guten Grund zu finden.

Mehr über Carsten Jan Weichelt auf der About-Seite

Carsten Jan Weichelt

Autor | KI-Trainer | Content Strategist
Arbeit • Identität • Künstliche Intelligenz
Kuh Alma 🐄 & moderne Arbeitswelt
📍 Barcelona | 🇩🇪 🇬🇧

https://www.carstenjanweichelt.de
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