Kuh Alma und der Moment, in dem jemand meinen Namen kannte

KUH ALMA | WORKPLACE SATIRE VON CARSTEN JAN WEICHELT | STAFFEL 1 | KAPITEL 25

Ein paar Tage später saß ich in einem Café in Poblenou.

Am Tisch neben mir arbeitete ein Mann seit ungefähr vierzig Minuten an demselben Satz.

Genau genommen schrieb er ihn immer wieder neu.

Ein paar Wörter.

Löschen.

Neue Wörter.

Wieder löschen.

Vielleicht ist das Schreiben.

Irgendwann lehnte er sich zurück.

Er sah aus dem Fenster.

Dann zu mir.

Dann wieder auf seinen Bildschirm.

Dann wieder zu mir.

Ich bereitete mich innerlich darauf vor, dass er seine Arbeitszeit rechtfertigen würde.

Stattdessen sagte er:

„Alma?“

Ich sah hinter mich.

Es gab keine zweite Kuh.

Das wäre allerdings interessant gewesen.

„Du bist Alma, oder?“

Ich sah ihn an.

„Die Kuh.“

Das schränkte die Möglichkeiten ein.

„Ich lese dich.“

Das war neu.

Menschen hatten mich angesehen.

Fotografiert.

Umgangen.

Ein Kind hatte einmal versucht, mir ein Stück Banane zu geben.

Aber gelesen?

„Den Text über Beschäftigtsein“, sagte er. „Der war gut.“

Dann fügte er hinzu:

„Ich arbeite übrigens wirklich.“

Natürlich.

Er drehte seinen Laptop zu mir.

Viele Tabs.

Sehr viele Tabs.

Offenbar war ich inzwischen eine Instanz, vor der Menschen Browserfenster als Beweismittel einreichten.

„Siehst du?“

Ich sah.

„Ich bin nur gerade ein bisschen durch.“

Ich nickte.

Das schien ihm nicht zu reichen.

„Also nicht wegen Arbeit. Generell.“

Ich nickte noch einmal.

Menschen sind erstaunlich schlecht darin, eine Rechtfertigung zu beenden, wenn sie einmal angefangen haben.

„Kann ich ein Foto machen?“

Die Frage überraschte mich weniger als früher.

„Okay.“

Der Mann stand auf und setzte sich neben mich.

Er hielt sein Telefon hoch.

Auf dem Bildschirm sah ich uns beide.

Er lächelte.

Ich nicht.

Er sah auf das Bild.

Dann zu mir.

„Kannst du ein bisschen mehr wie Alma gucken?“

Ich wusste nicht, wie Alma guckt.

Ich bin Alma.

Das erschien mir bisher ausreichend.

Ich sah ihn an.

„Genau so!“

Das Telefon klickte.

Er setzte sich wieder.

Seine Finger bewegten sich über den Bildschirm.

Dann zeigte er mir das Ergebnis.

Met Alma today. She judges me.

Ich las den Satz zweimal.

„Ich habe dich nicht beurteilt.“

Er lachte.

„Du beobachtest.“

„Ja.“

„Genau.“

Nein.

Nicht genau.

Aber das Bild war bereits veröffentlicht.

Eine Kuh, die ich nicht kannte

Der Mann arbeitete weiter.

Oder versuchte es.

Ich sah aus dem Fenster.

Menschen gingen vorbei.

Ein Fahrradfahrer fuhr bei Rot.

Eine Frau zog einen kleinen Hund hinter sich her, der offensichtlich andere Pläne hatte.

Alles sah aus wie vorher.

Nur ich nicht ganz.

Zumindest wusste ich nicht mehr, ob ich für andere noch genauso aussah.

Irgendwo auf einem Telefon existierte jetzt eine Version von mir.

Sie saß neben einem Mann.

Sie beurteilte ihn.

Sie blickte offenbar auf eine bestimmte Weise.

Und sie hieß Alma.

Später stand ich auf.

Im Fenster des Cafés sah ich mein Spiegelbild.

Braunes Fell.

Mein Gesicht.

Dasselbe Gesicht wie auf dem schwarzen Telefonbildschirm ein paar Tage zuvor.

Damals hatte ich gedacht, das sei ausreichend.

Vielleicht war es das für mich immer noch.

Aber offenbar war ich nicht mehr die Einzige, die entschied, was dieses Gesicht bedeutete.

Ich sah mich noch einen Moment an.

Dann ging ich.

Ich war immer noch eine Kuh.

Aber offenbar war ich inzwischen auch…

— Alma

 

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ÜBER DEN AUTOR

Carsten Jan Weichelt ist Autor und Content Strategist. Er schreibt über kreatives Schreiben, KI & Schreiben, Arbeit und die kleinen Absurditäten des modernen Arbeitslebens. Kuh Alma ist seine Workplace-Satire über Arbeit, Identität und das menschliche Bedürfnis, selbst für die merkwürdigsten Dinge einen guten Grund zu finden.

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Carsten Jan Weichelt

Autor | KI-Trainer | Content Strategist
Arbeit • Identität • Künstliche Intelligenz
Kuh Alma 🐄 & moderne Arbeitswelt
📍 Barcelona | 🇩🇪 🇬🇧

https://www.carstenjanweichelt.de
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