Kuh Alma und der Mensch, der mich falsch verstanden hat

KUH ALMA | WORKPLACE SATIRE VON CARSTEN JAN WEICHELT | STAFFEL 1 | KAPITEL 24

Ich wollte ein Croissant.

Das ist wichtig.

Nicht für die Geschichte.

Für das Missverständnis.

Ich stand vor einem Café und sah durch die Scheibe.

Auf einem kleinen Teller lag ein Croissant.

Daneben saß ein Mann mit einem Laptop.

Der Mann sah auf den Bildschirm.

Ich sah auf das Croissant.

Dann sah der Mann zu mir.

Ich sah weiterhin auf das Croissant.

Er sah wieder auf seinen Bildschirm.

Dann wieder zu mir.

„Was?“

Ich war mir nicht sicher, ob ich gemeint war.

Also sah ich weiter.

„Ich arbeite.“

Das hatte ich nicht bezweifelt.

Ich hatte überhaupt nicht über seine Arbeit nachgedacht.

Das Croissant sah gut aus.

„Ich mache nur kurz Pause.“

Ich sagte nichts.

„Ich sitze seit acht hier.“

Jetzt wusste ich mehr über seinen Arbeitstag, als ich wissen wollte.

Er klappte seinen Laptop etwas weiter auf.

Auf dem Bildschirm war eine Tabelle.

Sie hatte viele Spalten.

Menschen zeigen einem erstaunlich häufig Tabellen, wenn sie beweisen möchten, dass sie wirklich arbeiten.

„Deadline“, sagte er.

Ich sah auf das Croissant.

Er folgte meinem Blick.

Dann sah er mich wieder an.

„Ach so.“

Eine kurze Stille entstand.

Er nahm das Croissant.

Ich hatte das Gefühl, unser Verhältnis hatte sich verschlechtert.

Was ein Blick alles können soll

Später dachte ich darüber nach.

Nicht über das Croissant.

Ein bisschen über das Croissant.

Vor allem aber über den Mann.

Ich hatte ihn nicht beurteilt.

Ich hatte nicht einmal versucht, ihn zu verstehen.

Trotzdem hatte mein Blick für ihn etwas bedeutet.

Er hatte darin eine Frage gesehen.

Vielleicht einen Vorwurf.

Vielleicht hatte er sogar geglaubt, ich wüsste etwas über ihn.

Dabei hatte ich Hunger.

Bis dahin hatte ich angenommen, Beobachtung funktioniere ziemlich einfach.

Ich sehe etwas.

Ich denke darüber nach.

Vielleicht verstehe ich es.

Vielleicht nicht.

Jetzt fiel mir auf, dass auf der anderen Seite ebenfalls jemand denkt.

Und dieser Jemand kann nicht wissen, was ich denke.

Also ergänzt er den fehlenden Teil selbst.

Menschen tun das offenbar ständig.

Ein Blick dauert zu lange.

Eine Antwort kommt zu spät.

Jemand schreibt „Okay.“

Jemand anderes liest „Okay.“ und verbringt den restlichen Nachmittag damit, herauszufinden, was damit gemeint war.

Der Punkt macht die Sache vermutlich schlimmer.

Irgendwo zwischen dem, was passiert, und dem, was gemeint gewesen sein könnte, entsteht eine Geschichte.

Manchmal braucht es dafür nicht einmal Worte.

Manchmal reicht eine Kuh vor einem Fenster.

Am nächsten Morgen

Ich ging wieder an dem Café vorbei.

Der Mann war nicht da.

Das Croissant auch nicht.

Andere Menschen saßen an den Tischen.

Jemand tippte.

Jemand telefonierte.

Eine Frau starrte auf ihren Bildschirm und seufzte so tief, dass ich kurz überprüfte, ob sie noch lebte.

Alles normal.

Ich blieb vor der Scheibe stehen.

Mein Spiegelbild sah zurück.

Braunes Fell.

Mein Gesicht.

Dasselbe wie immer.

Nur war da jetzt eine Frage, die gestern noch nicht da gewesen war.

Zum ersten Mal fragte ich mich nicht, was ich sah.

Sondern was jemand anderes sah, wenn er mich ansah.

Ich hatte darauf keine Antwort.

Noch nicht.

— Alma

 

FAQ

 

ÜBER DEN AUTOR

Carsten Jan Weichelt ist Autor und Content Strategist. Er schreibt über kreatives Schreiben, KI & Schreiben, Arbeit und die kleinen Absurditäten des modernen Arbeitslebens. Kuh Alma ist seine Workplace-Satire über Arbeit, Identität und das menschliche Bedürfnis, selbst für die merkwürdigsten Dinge einen guten Grund zu finden.

Mehr über Carsten Jan Weichelt auf der About-Seite.

Carsten Jan Weichelt

Autor | KI-Trainer | Content Strategist
Arbeit • Identität • Künstliche Intelligenz
Kuh Alma 🐄 & moderne Arbeitswelt
📍 Barcelona | 🇩🇪 🇬🇧

https://www.carstenjanweichelt.de
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