Wenn eine Kuh plötzlich laufen lernt: Was generative KI für Storytelling verändern kann
Kuh Alma hat jetzt einen Filmtrailer. Allein dieser Satz ist vermutlich ein ganz guter Hinweis darauf, dass mein Schreiben in den vergangenen Monaten eine etwas unerwartete Richtung genommen hat.
Alma war zunächst eine Figur in meinen Texten. Eine braune Kuh in Barcelona, die Menschen beobachtet und sich ihre Gedanken über Arbeit, Produktivität, Freiheit und die anderen merkwürdigen Dinge macht, mit denen wir unsere Tage verbringen. Irgendwann kamen Bilder dazu. Alma saß in Cafés, stand am Strand, lief durch Barcelona. Und irgendwann wollte ich wissen, ob noch mehr möglich ist. Ob sich aus dieser geschriebenen und inzwischen auch gezeichneten Welt etwas Bewegtes machen lässt.
Also habe ich angefangen, mit Gemini zu experimentieren. Nicht mit einem besonders ausgeklügelten Produktionsplan und auch nicht mit dem Anspruch, plötzlich Filmemacher zu werden. Ich habe beschrieben, was ich sehen wollte, Szenen geschrieben, Prompts verändert und mir Clips erstellen lassen. Über ungefähr sechs Monate habe ich immer wieder ausprobiert, was funktioniert und was nicht, wie genau ich Alma und ihre Welt beschreiben muss und wie ich näher an das komme, was ich eigentlich im Kopf habe.
Das funktionierte erstaunlich gut.
Nur nicht immer.
Alma ist braun. Das weiß ich, weil ich sie erfunden habe. Gemini war sich in dieser Frage gelegentlich weniger sicher. Zwischendurch war sie weiß. Manchmal sah sie verdächtig nach einem Pferd aus. Grafiken erschienen an Stellen, an denen ich sie nicht vorgesehen hatte, und manches, was in meinem Kopf ziemlich eindeutig aussah, entwickelte nach der Generierung ein überraschendes Eigenleben.
Generative KI kann inzwischen erstaunlich viel. Eine braune Kuh zuverlässig braun zu lassen, gehört offenbar weiterhin zu den Dingen, über die wir sprechen müssen.
Wie ich den Kuh-Alma-Trailer mit generativer KI gemacht habe
TL;DR: Für den Kuh-Alma-Trailer habe ich Gemini genutzt, um aus meinen Szenenbeschreibungen Videoclips und Musik zu erstellen. Die ausgewählten Clips habe ich anschließend in iMovie geschnitten und mit der Musik zusammengesetzt. Handlung, Szenen, Auswahl und finale Gestaltung blieben dabei meine Entscheidungen.
Mein technischer Aufbau war dabei wesentlich unspektakulärer, als man vielleicht vermuten könnte. Für die Generierung habe ich Gemini benutzt. Ich habe die Handlung geschrieben, beschrieben, was in den einzelnen Szenen passieren und zu sehen sein sollte, und daraus verschiedene Clips erstellen lassen. Dann begann der Teil, der sich während des gesamten Projekts als ziemlich wichtig herausstellte: anschauen, auswählen, verwerfen, neu formulieren, noch einmal versuchen.
Auch die Musik habe ich mit Gemini erstellt. Ich habe beschrieben, in welche Richtung sie gehen sollte und ob ich Gesang wollte oder nicht. Anschließend habe ich die ausgewählten Videoclips in iMovie zusammengesetzt und dort auch die Musik hinzugefügt. Das war im Wesentlichen mein Produktionsstudio.
Ich schreibe das so ausdrücklich, weil ich keinen falschen Eindruck vermitteln möchte. Ich bin kein Experte für AI Filmmaking. Ich bin auch durch diesen Trailer nicht zum Regisseur, Animator oder Sounddesigner geworden. Menschen, die diese Berufe beherrschen, können Dinge, die ich nicht kann, und sehen vermutlich Probleme, die ich noch nicht einmal als Probleme erkenne.
Aber genau darin liegt für mich inzwischen ein ziemlich interessanter Teil dieser Entwicklung.
Ich musste all das nicht beherrschen, bevor ich anfangen durfte.
Ich konnte anfangen und dabei lernen.
Meine Texte konnten plötzlich etwas anderes werden
Während der Arbeit am Trailer habe ich irgendwann gemerkt, dass mich weniger die technische Frage beschäftigt, was Gemini alles generieren kann. Interessanter fand ich, was dadurch mit meiner eigenen Rolle passiert.
Ich hatte Alma geschrieben. Ich wusste, wer sie ist, was sie beobachtet und warum sie überhaupt existiert. Ich hatte eine Vorstellung davon, wie ihre Welt aussieht. Bisher konnte ich diese Vorstellung vor allem mit Worten ausdrücken. Mit generativer KI konnte ich anfangen, denselben Gedanken Bilder, Bewegung und Musik zu geben.
Das klingt zunächst nach einer technischen Erweiterung. Für mich fühlte es sich aber eher wie eine kreative an.
Plötzlich musste ich über Dinge nachdenken, über die ich beim Schreiben eines Textes nicht auf dieselbe Weise nachdenke. Wie bewegt sich Alma durch eine Szene? Wie soll Barcelona um sie herum aussehen? Welche Bilder passen überhaupt zu dieser Welt? Wie schnell wechseln sie? Welche Musik fühlt sich richtig an? Soll jemand singen? Und wenn eine generierte Szene für sich genommen gut aussieht, aber nicht nach Alma aussieht, gehört sie dann trotzdem hinein?
Meistens war die Antwort auf die letzte Frage ziemlich einfach.
Nein.
Und vielleicht steckt genau dort etwas, das in der Diskussion über generative KI und Storytelling manchmal untergeht. Die Technologie erzeugt Möglichkeiten. Das bedeutet aber noch nicht, dass diese Möglichkeiten automatisch Teil einer Geschichte werden.
Jemand muss entscheiden.
KI Storytelling bedeutet für mich nicht, die Geschichte abzugeben
Wenn über KI und kreatives Schreiben gesprochen wird, geht es verständlicherweise häufig darum, ob eine KI Geschichten schreiben kann. Mich interessiert inzwischen noch eine andere Frage: Was passiert, wenn ein Autor seine Geschichte nicht an die KI abgibt, sondern mit ihrer Hilfe über das geschriebene Wort hinaus weiterentwickelt?
Bei Alma hat Gemini nicht entschieden, wer diese Figur ist. Es hat nicht entschieden, worum es in ihrer Welt geht. Es hat auch nicht entschieden, welche Szenen am Ende im Trailer bleiben.
Ich habe Texte und Szenen geschrieben, beschrieben, was ich sehen wollte, Varianten erzeugen lassen und anschließend ausgewählt. Manches war brauchbar. Manches war überraschend gut. Manches war eine weiße Kuh.
Genau diese Auswahl empfand ich zunehmend als Teil der Autorenschaft. Vielleicht sogar mehr, als ich vor dem Projekt erwartet hätte. Denn je mehr eine generative KI produzieren kann, desto wichtiger wird die Frage, was davon tatsächlich zur eigenen Geschichte gehört. Es reicht nicht, dass ein Bild schön ist oder ein Clip technisch beeindruckt. Er muss zu der Welt passen, die man erschaffen möchte.
Ich habe dafür angefangen, den Begriff author-led storyworld zu benutzen. Nicht, weil die Welt von Alma jetzt besonders dringend einen englischen Fachbegriff gebraucht hätte, sondern weil er den Unterschied für mich ziemlich gut beschreibt. Die Technologie kann beim Erweitern dieser Welt helfen. Geführt wird sie weiterhin vom Autor.
Das Schreiben bleibt ihr Ausgangspunkt. Es ist nur nicht mehr zwangsläufig ihr Endpunkt.
Vielleicht erweitert KI nicht nur das Schreiben
Für mich ist das einer der spannendsten Aspekte von generativer KI für Autoren und Storyteller. Nicht jeder Autor wird deshalb Filme machen wollen. Nicht jede Geschichte braucht Animation, Musik und ein eigenes kleines Universum. Und nicht jeder Mensch, der ein paar Videoclips generiert, ist deshalb Filmemacher.
Ich jedenfalls bin keiner.
Was sich verändert, ist für mich eher die Schwelle zwischen einer Idee und dem Versuch, ihr eine andere Form zu geben. Vor einigen Jahren hätte ich bei dem Gedanken an einen eigenen Trailer vermutlich ziemlich schnell darüber nachdenken müssen, wen ich dafür brauche, was das kostet und welche Fähigkeiten mir fehlen. Jetzt konnte ich erst einmal ausprobieren.
Dabei lerne ich natürlich neue Dinge. Nicht vollständig und nicht auf dem Niveau von Menschen, die sich seit Jahren professionell mit Film, Animation oder Musik beschäftigen. Aber ich beschäftige mich plötzlich mit Bildsprache, Rhythmus, Szenen, Musik und visueller Konsistenz, weil meine Geschichte mich dorthin gebracht hat.
Das gefällt mir an diesem Prozess vielleicht besonders: Man muss nicht erst Experte in einem neuen Medium werden, bevor man sich ihm nähern darf. Man kann etwas versuchen, Fehler machen, feststellen, dass die eigene Kuh inzwischen verdächtig viele Eigenschaften eines Pferdes besitzt, und beim nächsten Versuch genauer werden.
Learning by Doing ist keine besonders neue Idee.
Die Zahl der Dinge, die man dabei plötzlich ausprobieren kann, allerdings schon.
Wenn aus Worten eine Welt wird
Natürlich kann man diese Entwicklung skeptisch sehen. Gerade bei generativer KI gibt es genügend offene Fragen, und einige davon werden uns noch lange beschäftigen. Ich möchte mit einem Kuh-Trailer auch keine Grundsatzdebatte über Film, Kunst oder kreative Berufe entscheiden.
Ich kann nur beschreiben, was sich für mich beim Machen verändert hat.
Und das war vor allem ein Gefühl von zusätzlichem kreativem Spielraum.
Ich schreibe weiterhin. Das ist der Ausgangspunkt. Aber eine Figur, die ich schreibe, muss nicht mehr ausschließlich dort bleiben. Ich kann ausprobieren, wie sie aussieht, wenn sie sich bewegt. Ich kann einer Szene Musik geben. Ich kann sehen, ob etwas, das in meinem Kopf funktioniert, auch als Bild funktioniert. Und ich kann anschließend entscheiden, dass es überhaupt nicht funktioniert.
Gerade Letzteres passiert häufiger, als AI-Demos vermuten lassen.
Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Generative KI nimmt mir diese Entscheidungen nicht ab. Sie gibt mir mehr Dinge, über die ich entscheiden kann.
Das hat mir beim Trailer überraschend viel Freude gemacht. Nicht, weil plötzlich alles möglich oder alles einfach wäre. Sondern weil etwas möglich wurde, das für mich vorher deutlich weiter weg war. Aus meinen Worten konnten Bilder werden, aus Bildern Bewegung und aus einzelnen Szenen schließlich ein kleiner Film.
Ich weiß noch nicht, wohin das mit Alma führt. Vielleicht bleibt es bei Trailern und kurzen Videos. Vielleicht entstehen daraus andere Formen des Storytellings, an die ich gerade noch gar nicht denke. Ich probiere es aus.
Vor ein paar Jahren habe ich angefangen, über eine Kuh zu schreiben.
Inzwischen muss ich darauf achten, dass sie kein Pferd wird.
Auch das gehört offenbar inzwischen zum Beruf des Autors.
Der offizielle Kuh-Alma-Trailer
Almas Welt ist meine fortlaufende satirische Welt rund um Kuh Alma, eine braune Kuh in Barcelona, die Menschen und ihre merkwürdige Beziehung zu Arbeit, Produktivität, Freiheit und modernem Leben beobachtet.
Der Trailer ist mein bisher größter Versuch, diese geschriebene Welt mit generativer KI über den Text hinaus weiterzuentwickeln.
Über Carsten Jan Weichelt
Carsten Jan Weichelt ist Autor und Content-Stratege in Barcelona. Er schreibt über KI und Schreiben, moderne Arbeit, Content Strategy und die Frage, warum Menschen die Systeme, die sie selbst erschaffen, gelegentlich etwas ernster nehmen als nötig. Almas Welt ist sein fortlaufendes satirisches Projekt über Arbeit und modernes Leben, beobachtet von einer Kuh.